Geburtsbericht von Luisa Liv aus Mamas Sicht

Montag, 03.10.2011

Aufgewacht nach leicht durchwehter Nacht machte sich das Gefühl breit, dass sich einen Tag nach dem errechneten Geburtstermin nun doch endlich etwas tut. In regelmäßigen Abständen bemerkte ich Wellen, die sich deutlich von den häufigen Übungswellen der bisherigen SS unterschieden. Außerdem tröpfelte es leicht, sodass ich annahm, ein kleiner hoher Blasenriss müsste auch bereits geschehen sein.

Ich beschloss das Geschehen zu beobachten und bemerkte im Laufe des Tages eine zunehmende Unruhe und regelmäßige leichte Wehentätigkeit. Abends, als das Tröpfeln nicht weniger wurde, telefonierte ich mit meiner Hebamme, um sie darauf vorzubereiten, dass es eventuell schon bald soweit sein könnte. Die erfahrene Fachfrau wusste natürlich gleich, dass es noch etwas dauern würde und bestellte mich für den nächsten Tag ins Geburtshaus, um zu schauen, ob ich da wirklich Furchtwasser verliere oder nicht.

Plötzlich bekam ich Panik. Mein Körper war soweit, mein Kopf war es nicht. Ich entwickelte in immer kürzeren Abständen Wellen, die aber – das wusste ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht – aufgrund meiner enormen Angespanntheit so gut wie nichts am Muttermund bewirkten. Ich wollte eine schnelle und unkomplizierte Geburt. Ich wollte beweisen, dass durch Entspannung alles ganz leicht gehen würde. Und weil ich so festgefahren war in der Vorstellung wie alles abzulaufen hatte kam alles gänzlich anders.

Zu späterer Stunde war ich dann der Meinung, es müsse nun losgehen und auch mein Körper schickte mir Signale in Form von kräftigeren Wellen. So informierten wir die Hebamme und trafen uns mit ihr nach Mitternacht im Geburtshaus.

Dienstag, 04.10.2011

Im Geburtshaus folgte schließlich die Ernüchterung. Muttermund 1 cm offen und noch weit hinten. Die Hebamme wollte mir helfen und dehnte während zweier Wellen den Muttermund von 1 auf 2 cm auf. Dies war jedoch so schmerzhaft, dass mein Kopf die Geburt plötzlich völlig blockierte. Die Hebamme ließ uns eine Stunde ausruhen und legte sich selbst ein wenig hin. Bei erneuter Kontrolle hatte sich am Muttermund und an der Wellentätigkeit nicht viel getan. Der Fruchtwassertest ergab auch kein eindeutiges Ergebnis, sodass sie uns nachhause schickte.

Zuhause legten wir uns schließlich ins Bett und ich war so enttäuscht, dass die Wellen immer weniger und weniger wurden. An geruhsamen Schlaf war dennoch nicht zu denken.

Zu Mittag war erneute Kontrolle im Geburtshaus angesagt. Fruchtwassertest nun eindeutig negativ, sprich entweder war die Blase nie gerissen, oder nur so hauchzart, dass sich der Riss wieder verschließen konnte. Die Hebamme schickte uns wieder heim. Meine Nerven waren am Ende.

Zuhause angekommen wurde ich wütend und traurig. Und plötzlich setzten die Wellen wieder ein. Immer heftiger und heftiger. An Entspannung war für mich leider nicht mehr zu denken. Ich war überfordert, übermüdet und konnte keine vernünftigen Gedanken mehr fassen.

Abends bekam ich Besuch von meiner besorgten Mutter und meiner Schwester Valentina. Als sie sahen, in welch verzweifeltem Zustand ich war und dass ich scheinbar körperlich bereits an der Grenze des erträglichen angelangt war, wollten sie mich am liebsten sofort ins Krankenhaus fahren. Wir diskutierten hin und her und ich war knapp davor zuzustimmen. Alle unbewussten Ängste vor der Geburt brachen dann aus mir heraus und endlich konnte ich zugeben, wie wenig ich noch das Gefühl hatte, dies alles heil überstehen zu können. Die beiden redeten mir gut zu und versprachen mich zu begleiten und zu unterstützen, wie auch immer ich mich entscheiden würde.

Da platzte dann der Knoten im Kopf und ich wusste endlich, dass ich einfach ein anderer Gebärtyp war, als ich es mir jemals hätte denken mögen. Ich brauchte die Unterstützung der Frauen meiner Familie. Als dann um neun Uhr die Wellen bereits ziemlich stark und in kurzen Abständen kamen, beschloss ich, dass ich in dieser Nacht entweder im Geburtshaus gebären oder mir im Krankenhaus Medikamente verabreichen lassen würde, wenn sich am Muttermund durch die letzten 6 Stunden Wellentätigkeit wieder nichts getan haben sollte.

Martina wurde verständigt und wir brachen zum dritten Mal ins Geburtshaus auf. Dort angekommen war der Befund eigentlich wieder ernüchternd. Muttermund auf 4 cm, aber fast kein Gebärmutterhals mehr und Baby einen cm tiefer im Becken als tags zuvor. Dennoch wusste ich, dass es diesmal kein verpatzter Anlauf war, denn zum ersten Mal war ich komplett angstfrei. Als meine Schwester Florentina am Telefon erfuhr, dass ich Mama und Valentina mitgenommen hatte, beschloss sie, dass sie auch auf keinen Fall fehlen dürfe und kam ebenfalls dazu.

Da die Wellen bei mir nur in aufrechter und gehender Position gut kamen und vorangingen, spazierte ich fast die gesamte Geburtsdauer hindurch das Geburtshaus ab. Liegen oder forcierte Entspannung fühlten sich in diesem Moment einfach nicht richtig an. Oliver stützte mich beim hin und her tigern körperlich so gut er konnte. Während der Wellen hing ich in seinen Armen, gab dem Bedürfnis zu tönen völlig nach und versuchte alles nach unten hin zu öffnen.

Meine Mama und Schwestern ermutigten und bestärkten mich während der Wellen und vor allem dazwischen verbal wo sie nur konnten. Und während ich die Wellen abarbeitete plauderte die Damenrunde gemütlich wie im Kaffeehaus dahin. Die Atmosphäre war so entspannt, wie ich es mir erträumt hatte. Körperlich hingegen war Entspannung für mich in diesem Moment einfach nicht das richtige. Ich musste mich bewegen, ich musste manchmal laut sein, ich gab mich allen gefühlten Bedürfnissen einfach sofort hin.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Um zehn Uhr waren wir im Geburtshaus angekommen, um halb elf hatte ich bereits 5 cm erreicht. Um elf sprengte Martina die Fruchtblase und um zwölf war der Muttermund bereits 7 cm geöffnet. So brach der dritte Kalendertag an seit Beginn der ersten Eröffnungswellen.

05.10.2011

Nun kam die gefürchtete Übergangszeit und ab ein Uhr nachts begann der härteste Part.

Während mehrerer Wellen half mir die Hebamme mit dem letzten Saum des Muttermunds und kurz darauf saß ich schon am Gebärhocker mit Oliver hinter mir. Die finalen Wellen hatten eingesetzt, aber ich verspürte leider nie den Drang mitzuschieben oder zu pressen. Nun wollte ich nur noch flüchten, aber meine Hebamme leistete großartige Überzeugungsarbeit und leitete mich durch die letzte Phase. Zunächst prognostizierte sie noch eine Stunde Geburtsdauer. Nach der nächsten Welle eine halbe Stunde. Dann prophezeihte sie mir noch zehn Wehen. Eine Welle später nur noch fünf. Schlussendlich brauchte es noch drei und Luisa war um 01.37 geboren. Die Geburtsverletzungen waren so gering, dass ich nicht genäht werden musste.

Ich hatte es von 4 cm Muttermundbefund bis zum ersten Schrei von Luisa in dreieinhalb Stunden geschafft!

Die Plazenta kam keine 5 Minuten später buchstäblich aus mir herausgeschossen. Leider verlor ich durch die schlussendlich doch recht heftige Geburt sehr viel Blut. Aber die Hormone ließen mich aufrecht zwei Stunden später nach Hause aufbrechen.

Die Geburt meiner Tochter war das kräfteraubendste und zugleich wunderschönste, das ich jemals erleben durfte. Luisas Geburt ließ mich über viele mentale und körperliche Grenzen gehen und ich war in meinem ganzen Leben noch nie so stolz wie über diesen gewaltigen Akt.

Hypnobirthing schenkte mir in der Schwangerschaft das Urvertrauen, dass jede Frau gut und instinktiv gebären kann. Auch der Kontakt zu meiner Tochter im Mutterleib war durch die Hypnobirthingübungen und –philosophie enorm ausgeprägt.

Mein Wissen über mögliche Komplikationen (Anm.: sie studierte Medizin) und mein Kontrollwahn allerdings bescherten mir die mühseligen Eröffnungswehen, die sich fast über zwei ganze Tage hingezogen hatten.

Die Geburt selbst war so individuell, wie jede Geburt es wohl ist. Die öffnenden Bilder konnte ich während der heftigen dreieinhalb Stunden sehr gut gebrauchen. Auch die Atmung konnte ich manchmal benutzen. Der größte Teil bestand allerdings darin, dass ich mich völlig gehen lies und teilweise so laut brüllte, wie ich es mir nie im Leben zugetraut hätte. Im Grunde durfte ich genauso gebären, wie ich es mir immer erträumt und erst im letzten Moment erkannt hatte: im Kreise von vertrauten Frauen und völlig geleitet von Trieb und Instinkt.

Im Krankenhaus hätte ich diese wunderbare Art zu gebären niemals erleben können. Ich hatte vier Begleitpersonen und absolute Privatsphäre, eine Hebamme, die sich nur um mich kümmerte und wunderbar auf Geburt eingestimmte Geburtsräumlichkeiten.

Oliver war während der gesamten Geburtsdauer äußerst relaxed. Später sagte er mir, er sei froh gewesen, dass seine Aufgabe nur in der körperlichen Unterstützung bestanden hatte, während die Frauen das mentale übernahmen.

Als mir meine Hebamme einen Tag danach am Telefon sagte, dass man bei Geburten sehr viel über sich selbst lernt, konnte ich ihr nur beipflichten...

 

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